Kaum war der gedachte letzte Vorhang gefallen, die Schauspieler des Kindertheaters NNchen – einem Ableger des NN-Theaters Köln – hatten sich vorgestellt und die Zuschauer des Sendener Sommertheaters hatten den Akteuren des Stückes „Don Quichote“ gebührenden Beifall gezollt, da stürmte unsere Tochter Lea-Raphaela die Bühne, drehte sich zweimal und verbeugte sich anschließend – wie sich das für die Schlussrolle gehört. Der Schlussvorhang fiel ganz persönlich für Lea-Raphaela.
Lea lebt in ihrer eigenen Welt. Diesen Eindruck habe ich immer mal wieder, wenn ich sehe, mit welcher Akribie sie sich um das Wohlbefinden ihrer Kuscheltiere kümmert. Aber nicht nur ihre ganz persönliche Kinderzimmerordnung, über die Sie sich mit Marian mitunter handfest auseinandersetzt, ist Bestandteil eines Systems. Wie selbstverständlich tanzt Lea mit ihrem kleinen Bruder bei der Einschulungsveranstaltung im Gymnasium nach dem Flötenstück der älteren Kinder.
Der Auftritt auf Sendens Sommertheater-Bühne ist ebenfalls keine Ausnahme gewesen. Sollen wir das Kind da zurückpfeifen? Als David seine Entlassfeier in der Grundschule hatte und mit seiner Klasse einen Bändertanz aufführte, stand Lea plötzlich neben ihm und tanzte mit – sehr zur Belustigung der anderen und nicht gerade der Choreographie zuträglich.
Auch Lea darf nicht alles
Lea darf längst nicht alles. Die Behinderung unserer Tochter führt nicht dazu, ihr Dinge zu gestatten, die ihre Geschwister nicht dürfen oder bei ihr ein Auge mehr zuzudrücken. Sie hört die gleichen Ermahnungen, wenn sie Verbotenes trotzdem anstellt, und eine „ach das macht doch nichts-Reaktion“, wenn sie ‚mal wieder einen Joghurtbecher an die Erde schmeißt, gibt es nicht.
Nach vielen Gesprächen mit Freunden und Eltern, die ebenfalls behinderte Kinder haben, und nach eigenen Erfahrungen, stellt sich heraus, wie wichtig es ist, Menschen mit Behinderung „ganz normal“ zu behandeln. Eine solche normale Behandlung ist jedoch nicht allein Sache der Eltern. Viele Menschen haben Scheu davor, Behinderten zu begegnen, mit ihnen zu sprechen, zu kommunizieren oder sich einfach nur zu verständigen. Oftmals wird aus dieser Scheu eine Ablehnung, mit der jedoch niemandem geholfen ist. Die Angst zu verlieren, auf Behinderte zuzugehen, ist sicherlich der erste Schritt, den wir auch erst gelernt haben, seit Lea bei uns ist. Mit Behinderten normal umzugehen – davon ist unsere Gesellschaft noch weit entfernt. Mitleid und Bedauern aber sind das, was Menschen mit Behinderung am wenigsten gebrauchen können, ebenso wenig wie die Eltern behinderter Kinder.
Stolz geht Lea von der Bühne ab und wandert durch den Bürgerpark. Mit den Händen auf dem Rücken, als würde sie über den tieferen Sinn des Theaterstückes oder ihren vermeintlichen Erfolg in der kleinen, aber doch so bedeutenden Schlussrolle nachdenken. (1. Oktober 1999)

