Kinder sagen sich los. Sie werden erwachsen, haben Vorstellungen von ihrer Zukunft. Sicherlich sind Eltern immer noch ein Teil ihres Lebens, aber – mal ganz unter uns – der Mittelpunkt sind sie nicht mehr. Freunde spielen ein Rolle, der berufliche Werdegang, ein selbst bestimmtes Leben nach eigenen Überzeugungen. Ein ganz normaler Lebensschritt, den jeder von uns getan hat oder aber noch tun wird. Das ist normal.

Und da wir gerade bei der Normalität sind, ist es bei Lea normal, dass diese Entscheidung nicht von ihr getragen werden kann. Eine Frage, die Ralf und mich lange umgetrieben hat. Wie finden wir den richtigen Zeitpunkt und was sollten wir im Interesse Leas beachten?
Wichtig war uns, dass Lea in einem Alter auszieht, das ihr ermöglicht sich in einem neuen System zurechtzufinden, sich Freundschaften aufzubauen und dieses neue Leben als ihren Alltag zu begreifen. Ferner wollten wir nicht, dass sich die Brüder irgendwann um ihre Schwester kümmern „müssen“. Sollten Ralf und ich nicht mehr sein, sollte die Frage um ihren Lebensalltag geklärt sein. Von uns. Ihren Eltern.
Wann ist der richtige Zeitpunkt
Doch wann ist es soweit? Lea war gerade 19 Jahre alt, als wir uns verschiedene Wohnformen für Menschen mit Behinderungen anschauten. Im Schnitt dauerte es zu diesem Zeitpunkt fünf – manchmal sogar bis zu acht Jahren – bis eine Unterkunft frei wird. Wir erkundigten uns über den Lebensalltag in einer Einrichtung und wie sich der Alltag dort gestaltet.
Mit vielen Eindrücken und Gedanken im Kopf diskutierten Ralf und ich über das Für und Wider der unterschiedlichen Einrichtungen. Wir wollten natürlich, dass sie sich dort wohl fühlt, auch wenn uns klar war, dass es für Lea an einigen Stellen zur Herausforderung werden wird.
Feste Essenszeiten gehören beispielsweise dazu. Nicht mehr einfach an den Kühlschrank gehen und sich selbst bedienen. Das würde für Lea ein Problem werden. Aber was soll´s! Da haben wir ja noch Zeit. So fünf bis acht Jahre. Das wird schon bis dahin.
Ist das zu schnell?
„Wir könnten Lea für Oktober einen Platz anbieten“, sagt die Stimme am Telefon ein halbes Jahr später. Moment! „Wie jetzt dieses Jahr oder wann?“, war meine verdutzte Antwort. Zugegebenermaßen war das eine ziemlich blöde Nachfrage, denn welches Jahr sollte der Einrichtungsleiter denn sonst meinen? Aber die gefühlten 60 Monate Wartezeit reduzierten sich durch einen einzigen Anruf auf drei. Das ging schnell. Zu schnell.
So geht ja auch nicht, war mein erster Gedanke. Und mein zweiter: wenn wir jetzt absagen, haben wir vielleicht eine Chance vertan. Und all die rationalen Gedanken, dass Lea sich ein eigenes Leben aufbauen muss, unabhängig von Eltern und Brüdern, dass sie – wie jeder andere Mensch – ihren Alltag neu gestalten sollte, lösten sich einem emotionalen Nebel auf.
So ein dichter Nebel, der um meine Gedanken wabert, sich dort festkrallt, um sich nie wieder zu verflüchtigen. Schließlich reden wir über unsere Tochter. „So nicht!“, sagt mein Bauch. „Wie dumm und egoistisch von dir“, sagt der Kopf und am Telefon stotterte ich nur: „Äh, also das ging ja mal fix“ und meinen Mann fragte ich: “Was jetzt?“.
Wir schauten uns die Gruppe an, in die Lea untergebracht werden sollte. Nette Mitarbeiter, schönes helles Zimmer, das sie sich aber zu Anfang noch teilen müsse. Der Umbau zu Einzelzimmern sei bereits vorgesehen, aber noch nicht vollzogen. Wir sagten zu. Auch wenn dieses „Ja“ zu einem Umzug mit einem seltsamen Gefühl behaftet war. So ganz im Kopf angekommen, war es noch nicht. Bei uns.
Lea fand es toll
Lea fand die neue Umgebung toll. Kinder sagen sich eben los. Sie lief wie selbstverständlich auf der Gruppe umher, inspizierte Badezimmer und Küche, auch wenn sie zu diesem Zeitpunkt aufgrund ihrer Behinderung nicht verstehen konnte, dass das ihr neues Zuhause werden soll. Für sie war es eine Art Ausflug mit Kaffee trinken und Kuchen essen.

Schließlich war es soweit. Möbel wurden besorgt, ein Fernseher gekauft, Kleidung gepatcht und auch der Antrag beim Landratsamt ausgefüllt und abgegeben. Wobei letztgenannter uns schon vor Herausforderungen gestellt hat. Das Wort Antrag ist hier irreführend. Vielmehr handelt es sich um Fragebögen im Umfang eines Möbelkatalogs. Aber das ist ein anders Thema.
So ist das mit der Gefühlswelt. Einerseits machte sich auch bei uns eine Art Vorfreude breit. Lea hatte ein Zuhause gefunden. Eines, in dem sie alt werden könnte. Wo sie Freunde finden würde und auch gefunden hat. Der Startpunkt morgens Richtung Werkstatt und nach Feierabend ein Ankommen in ihrem Zuhause.
Andererseits kamen Fragen in einem hoch, ob die dortigen Mitarbeiter Lea auch verstehen würden, ob sie dort Nähe und Wärme erfährt, ob ihre Bedürfnisse erkannt und gestillt würden.
Was tun mit der Zeit?
Lea war gerade 20 Jahre jung, dynamisch und dickköpfig, fröhlich und offen für das, was kommt. Und ich? Ich habe zwei Tage lang nur geschlafen. Tagsüber auf der Couch, nachts im Bett. Ich konnte mit der gewonnenen Freiheit und Freizeit zunächst nichts anfangen. Nach 20 Jahren keinen Zwang mehr zu haben, zu einer bestimmten Uhrzeit zuhause sein zu müssen. Einen Einkauf auch nach 16 Uhr noch planen zu können.
Ich wusste nicht, was ich mit so viel selbst bestimmter Zeit anfangen sollte. Sicherlich kam Lea an den Wochenenden zu Besuch. Zunächst noch jedes, dann im 14-tägigen Rhythmus und heute ist es gerade mal eine Nacht, die sie noch bei uns verbringt. Nicht weil wir sie darin drängen, sondern weil sie nach 13 Jahren KBZO einfach nicht mehr so viel Zeit mit ihren Eltern verbringen will.
Es gab Situationen, in denen ich sie besucht habe und sie sich freudestrahlend um meinen Hals warf, um mir gefühlte zwei Sekunden später mit Winken zu verstehen gab, dass ich auch durchaus wieder fahren könnte. Lea hatte anders zu tun.
Wenn ich samstags kam und gerade Hallenbadzeit mit Judith anstand, warf sie mir ungläubige Blicke zu. Sie kann es nicht artikulieren, aber wenn sie sprechen könnte, würde sie sagen: „Jetzt nicht. Ich gehe zum Schwimmen“.
Kinder sagen sich los
Lea ist dort angekommen. Sicherlich hat sie auch Ellenbogen entwickelt, die Menschen in dieser Lebenssituation auch brauchen, um ihre Meinung zu vertreten und deutlich zu machen, was sie wollen und was sie nicht wollen. Lea wird ausgezeichnet betreut und begleitet. Sie freut sich immer, wenn wir sie wieder ins KBZO bringen und nimmt auf der Wohngruppe selbstverständlich ihren Platz ein.
Viele Gedanken, die wir uns gemacht haben, sind völlig überflüssig gewesen. Eltern gehen den Weg eines behinderten Kindes, das selbst keine Entscheidungen treffen kann, immer dreimal. Zunächst müssen Vater und Mutter Informationen verarbeiten, dann über möglich Konsequenzen und weitere Wege nachdenken und schließlich einen Entschluss fassen.
Bei Kindern ohne Behinderungen hat man das nur im Kleinkind- beziehungsweise im Schulalter. Als junge Erwachsene treffen diese dann eigene Entscheidungen. Das wird Lea niemals können. Sie ist auf Hilfe angewiesen. Das wird ihr Leben lang so bleiben. Aber etwas haben sie alle gemeinsam: Kindern fällt das Loslassen leicht. Den Eltern nur bedingt.

