Die Pandemie und Leas Fruchtjoghurt

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Die Pandemie und Leas Fruchtjoghurt – Diesen Brief hat Ralf Mitte Juni 2020 geschrieben

Leas Fruchtjoghurt – Was würde ich drum geben, manchmal in Deinen Kopf schauen zu können. Nur um zu sehen, was Du gerade denkst. Neulich war wieder so ein Moment. Wir saßen alle beim Abendessen und Du, die ansonsten immer als erste am Tisch sitzt, die in ihren Taschen lieber Bergkäse und illustrierte Kochbücher herumträgt als Puppen oder sonstige Utensilien, Du warst anders. Hattest keine Lust zu essen und schautest nur aus dem Fenster. Traurig, mit zitterndem Kinn und Unterlippe und einem Mund, der entgegen seiner sonstigen Ausrichtung einen Halbmond nach unten bildete. Deine Augen füllten sich mit Tränen.

Seit Mitte März bist Du wieder bei uns in der Wohnung, nicht mehr in Deinem Zimmer in der Wohngruppe des KBZO in Ravensburg. Seit Mitte März hast Du Deine Freundinnen und Freunde dort nicht wiedergesehen, hast keinen Tagesablauf, wie Du ihn gewohnt bist und darfst nicht mal mitkommen, wenn wir einkaufen gehen. Seit Mitte März hast Du dieses Haus und seinen Garten kaum verlassen, weil Du zur Hochrisikogruppe gehörst.

Eine Maske tragen zu müssen, ist nicht zu erklären

Du kannst auch keinen Mundschutz tragen, den würdest Du Dir einfach herunternehmen, weil Du nicht verstehen kannst, was das soll. Und Abstand kennst Du auch nicht. Du gehst auf Leute zu, die Du magst. Bei Freunden setzt Du Dich auch gerne mal auf den Schoß. Warum das jetzt alles nicht geht, weißt Du nicht. Als neulich Freunde kurz vorbei kamen, musstest Du im Haus bleiben, wir saßen im Garten. Dein Bruder Marian hat auf Dich aufgepasst. Und trotzdem lachst Du, freust Dich über jeden, den Du siehst, wenn Du aufstehst.

Doch jetzt sitzt Du da am Fenster und bist traurig und wir wissen nicht, warum. Hast Du Heimweh? Willst Du einfach wieder zurück? In Dein Zimmer, in Deine Wohngruppe, wo Du mit Yasi so gerne die Klamotten tauschst? Und dann kommt Marian und gibt Dir ein Töpfchen Fruchtjoghurt.

Du schaust hoch, schaust uns an und keine fünf Minuten später ist Deine Welt wieder in Ordnung. Du lachst, bist glücklich und lässt Dich auch mit dem Rest des Abendessens füttern. Und da draußen ziehen Menschen protestierend auf die Straßen, weil sie Schutzmasken tragen oder sich in ihren Grundrechten eingeschränkt fühlen. Ungeachtet der Gefahr weiterer Infektionen setzen sie sich über alles hinweg und gehen zum Teil soweit, die verrücktesten Theorien über das Virus zu verbreiten. Was leiden diese Menschen mehr als Du? Ich bewundere Dich manchmal, wie schnell sich für Dich die Probleme der Welt relativieren – mit einem Fruchtjoghurt.

Dieser Text ist am 24. Juni 2020 in der Schwäbischen Zeitung Friedrichshafen erschienen: www.schwaebische.de

 

Und das haben andere dazu gesagt:

Aus dem Newsletter der Digital-Redaktion der Schwäbischen Zeitung. Vielen Dank an die Kollegen in Ravensburg:

LIEBER HERR XX,

„Was würde ich drum geben, in Deinen Kopf schauen zu können. Nur um zu sehen, was Du denkst.“ Mit diesen Worten beginnt ein bewegender Brief, den mein Kollege Ralf Schäfer an seine Tochter geschrieben hat. Lea hat eine geistige Behinderung, die aber ihrer Lebensfreude, Fröhlichkeit und Aufgeschlossenheit nie wirklich etwas anhaben konnte. Doch dann kam Corona – und die Familie stellt fest, was die Pandemie mit ihrer Tochter macht, wie sie sie verändert. Lea hat keinen Appetit mehr, starrt aus dem Fenster. Plötzlich zittert die Mundpartie und die Tränen fließen.

Ralf Schäfer beschreibt in seinem Brief an Lea Situationen, in denen sich zweifellos viele Menschen mit geistiger Behinderung oder körperlichem Handicap sowie ihre Angehörigen während der Corona-Pandemie wiedererkennen.  Es geht aber auch um Lichtblicke, um Hoffnung und Momente ehrlicher Freude für die der Vater die Tochter bewundert – während er sich beim Abgleich der Lebenssituationen über andere Menschen wundert.

 HIER GEHT ES ZUR LESEEMPFEHLUNG

 Ich wünsche Ihnen ein wunderbares Wochenende – bleiben Sie gesund!

 Michael Wollny

stellv. Leiter Digitalredaktion

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