Alltag
Liebe Lea, es ist Freitag, 8.30 Uhr. Das Telefon klingelt und die Wohnheimleiterin des KBZO Ravensburg informiert uns, dass eine Mitarbeiterin der Integrativen Werkstätten Symptome von Corona zeigt. Kurze Zeit später werden eure Wohngruppen hermetisch abgeriegelt. Corona kam um 8.30 Uhr per Telefon
Uns kreisen die Gedanken im Kopf. Du gehörst – wie einige deiner Mitbewohner – zur Hochrisikogruppe, weil du sehr schnell Lungenentzündungen bekommen kannst. Unsere Sorgen fahren Karussell. Was, wenn du dich infizierst hast? Wenn du ins Krankenhaus musstest, war bisher immer einer von uns dabei. Wer geht jetzt mit, wenn das nötig wird? Wer bleibt zuhause? Morgen soll dein Testergebnis vorliegen.
Dass du uns dieses Wochenende nicht besuchen kommen kannst, ist da noch das geringste Problem. Der Fisch, den ich dir bereits gekauft habe, – du liebst Fisch – liegt jetzt im Kühlschrank. Ich sehe dich geradezu vor mir, wie du einmal einen Zander aus dem Kühlschrank geklaut hast und ihn im Wohnzimmer im Sessel wie ein Kuscheltier im Arm gehalten hast. Ich erinnere mich auch daran, wie du sonst in der Küche neben mir stehst. Wie du mir helfen willst und schon mal die Eier in die Pfanne wirfst, obwohl wir gar keine brauchen.
Unsere Gedanken sind bei Euch
Unsere Gedanken sind jetzt aber auch bei den Mitarbeitern in deiner Wohngruppe. Sie müssen jetzt mit voller Schutzausrüstung arbeiten: Umhänge, große Masken, fast unerkennbar. Diese Menschen gehen in diesen Tagen an ihre Grenzen und beklagen sich nicht darüber. Das Personal des KBZO hat einen Orden verdient. Pflege und soziale Zuneigung sind unter Vollschutz nur schwer möglich. Du wirst deine Betreuer vielleicht nicht einmal erkennen. Auch wenn du niemals verstehen wirst, was ich dir damit sagen will: Drück die mal. Die haben es echt verdient.
Die Nacht auf Samstag war lang für uns. Ich selbst habe vor lauter Sorgen wenig geschlafen. Das Frühstück hat nicht geschmeckt. Dein Bruder fragt ständig nach, ob die Testergebnisse schon vorliegen. Die Minuten fühlen sich wie Stunden an.
Dann der Anruf: Alle Bewohner sind negativ getestet. Die Mitarbeiter müssen noch bis Ende der Corona-Inkubationszeit am Donnerstag in Vollschutz arbeiten, sind noch nicht getestet worden. Ich bin dennoch erleichtert, dass es dir wohl gutgeht. Die Reittherapie, bei der Du in Markdorf das wohl gutmütigste Pferd weit und breit stets zu Höchstleistungen in Sachen Geschwindigkeit antreibst, konnten wir verschieben. Jetzt hoffen wir erst mal, dass deine Betreuer keine Symptome zeigen.
Nebenbei muss ich schon wieder von Menschen lesen, die ihre Maske nicht aufsetzen wollen, die sich weigern, Abstand zu halten. Die Corona für nicht gefährlicher halten als eine normale Grippe.
Zahl der Infektionen steigt
Was ist das für eine Einschränkung, Maske und Abstand? Woher kommen denn die hohen Infektionszahlen? Sie kommen auch daher, dass irgendwelche Ignoranten ihre vermeintliche Freiheit zu verlieren glauben, wenn sie sich ein Stück Stoff vor ihr Gesicht hängen. Die Zahl der Testungen ist seit Wochen stabil, die Zahl der Infektionen steigt enorm. Du kannst das alles nicht verstehen. Aber viele andere Menschen tragen Masken und halten Abstand auch zu deinem Schutz. Dafür bin ich dankbar.
Am Dienstag hören wir, dass du schon mal Kicheranfälle bekommst, wenn einer der in Vollschutz ausgerüsteten Betreuer um die Ecke kommt. Dir scheint es gutzugehen.
Bleibt bitte alle gesund.“
Alltag
Unsere Tochter Lea ist wieder in ihrer eigenen Wohnung im KBZO Ravensburg. Sie war gleich Mitte März mit Beginn des Lockdown zu uns gekommen, um als Hochrisikopatientin in einer von uns kontrollierten Quarantäne zu sein. Das sollte auch die Betreuer im KBZO entlasten, die für die Betreuung der KBZO-Bewohner unter den Auflagen der Coronaphase bis an die Grenzen des Möglichen gingen, um Pflege und Betreuung zu gewährleisten.
Neue Sicherheitsvorkehrungen im KBZO, an Corona angepasste Verhaltensregeln und die Möglichkeit, Tagesstrukturen für Menschen mit Behinderung wieder neu aufzubauen, machten nun eine Rückkehr von Lea in die eigenen vier Wände wieder möglich. Mein großer Dank geht an die Menschen, die das KBZO und die IWO (Integrations-Werkstätten Oberschwaben) zur Heimat für meine Tochter und viele Menschen, denen es ähnlich geht, werden lassen.
Die Vorgeschichte
Bei uns hatte Lea Heimweh entwickelt, nachdem sie das KBZO so unerwartet verlassen hatte. Sie hatte ihre Freunde und Mitbewohner schmerzlich vermisst, so dass ihre anfängliche Traurigkeit, die hier und da mit einem Fruchtjohurt noch behoben werden konnte, immer stärker wurde.
Heute ist das alles wieder „normal“. Lea hat uns auch am vergangenen Wochenende besucht, fröhlich, gut gelaunt und qietschfidel. Und sie stand am Samstag wieder mit der Einkaufskiste im Flur, weil sie mit uns ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen wollte, im Lebensmittelmarkt einzukaufen.
Lea kann nicht sprechen, aber wir verstehen, was sie uns sagen will. Noch immer aber ist es wegen der Coronaregeln nicht möglich, dass sie wieder mit uns einkaufen geht. Sie versteht das nicht, sie kann es nicht und sie wird sich weiterhin dagegen wehren, eine Maske aufzusetzen. Weil sie nicht weiß, was das alles soll. Lea leidet darunter und sie ist der Situation so hilflos ausgeliefert, wie viele andere Menschen mit Behinderung oder Pflegebedarf auch. Das tut mir weh, aber ich verstehe, dass es nunmal nicht anders geht.
Ohrfeige für Lea
Vor diesem Hintergrund bringe ich übrigens noch immer keinen Funken Verständnis für die Menschen auf, die eigentlich alle Freiheiten haben, die sich aber wegen der Notwendigkeit, eine Maske tragen zu müssen, in einer Corona-Diktatur wähnen. Wenn wir in einer Diktatur leben würden, wären Sie wohl alle schon verhaftet worden. Dieses Verhalten ist eine schallende Ohrfeige für Menschen wie Lea.
Und trotzdem freue ich mich wie ein Schneekönig auf den Tag, an dem die Maskenpflicht fällt und Lea ihrem Hobby nachgehen kann. Auf den Tag, an dem sie mit uns wieder ihren Fisch und Käse einkaufen gehen kann.
Dieser Text erschien am 12. August bei der Schwäbischen Zeitung Friedrichshafen sowie online unter schwaebische.de
Alltag
Die Pandemie und Leas Fruchtjoghurt – Diesen Brief hat Ralf Mitte Juni 2020 geschrieben
Leas Fruchtjoghurt – Was würde ich drum geben, manchmal in Deinen Kopf schauen zu können. Nur um zu sehen, was Du gerade denkst. Neulich war wieder so ein Moment. Wir saßen alle beim Abendessen und Du, die ansonsten immer als erste am Tisch sitzt, die in ihren Taschen lieber Bergkäse und illustrierte Kochbücher herumträgt als Puppen oder sonstige Utensilien, Du warst anders. Hattest keine Lust zu essen und schautest nur aus dem Fenster. Traurig, mit zitterndem Kinn und Unterlippe und einem Mund, der entgegen seiner sonstigen Ausrichtung einen Halbmond nach unten bildete. Deine Augen füllten sich mit Tränen.
Seit Mitte März bist Du wieder bei uns in der Wohnung, nicht mehr in Deinem Zimmer in der Wohngruppe des KBZO in Ravensburg. Seit Mitte März hast Du Deine Freundinnen und Freunde dort nicht wiedergesehen, hast keinen Tagesablauf, wie Du ihn gewohnt bist und darfst nicht mal mitkommen, wenn wir einkaufen gehen. Seit Mitte März hast Du dieses Haus und seinen Garten kaum verlassen, weil Du zur Hochrisikogruppe gehörst.
Eine Maske tragen zu müssen, ist nicht zu erklären
Du kannst auch keinen Mundschutz tragen, den würdest Du Dir einfach herunternehmen, weil Du nicht verstehen kannst, was das soll. Und Abstand kennst Du auch nicht. Du gehst auf Leute zu, die Du magst. Bei Freunden setzt Du Dich auch gerne mal auf den Schoß. Warum das jetzt alles nicht geht, weißt Du nicht. Als neulich Freunde kurz vorbei kamen, musstest Du im Haus bleiben, wir saßen im Garten. Dein Bruder Marian hat auf Dich aufgepasst. Und trotzdem lachst Du, freust Dich über jeden, den Du siehst, wenn Du aufstehst.
Doch jetzt sitzt Du da am Fenster und bist traurig und wir wissen nicht, warum. Hast Du Heimweh? Willst Du einfach wieder zurück? In Dein Zimmer, in Deine Wohngruppe, wo Du mit Yasi so gerne die Klamotten tauschst? Und dann kommt Marian und gibt Dir ein Töpfchen Fruchtjoghurt.
Du schaust hoch, schaust uns an und keine fünf Minuten später ist Deine Welt wieder in Ordnung. Du lachst, bist glücklich und lässt Dich auch mit dem Rest des Abendessens füttern. Und da draußen ziehen Menschen protestierend auf die Straßen, weil sie Schutzmasken tragen oder sich in ihren Grundrechten eingeschränkt fühlen. Ungeachtet der Gefahr weiterer Infektionen setzen sie sich über alles hinweg und gehen zum Teil soweit, die verrücktesten Theorien über das Virus zu verbreiten. Was leiden diese Menschen mehr als Du? Ich bewundere Dich manchmal, wie schnell sich für Dich die Probleme der Welt relativieren – mit einem Fruchtjoghurt.
Dieser Text ist am 24. Juni 2020 in der Schwäbischen Zeitung Friedrichshafen erschienen: www.schwaebische.de
Und das haben andere dazu gesagt:
Aus dem Newsletter der Digital-Redaktion der Schwäbischen Zeitung. Vielen Dank an die Kollegen in Ravensburg:
LIEBER HERR XX,
„Was würde ich drum geben, in Deinen Kopf schauen zu können. Nur um zu sehen, was Du denkst.“ Mit diesen Worten beginnt ein bewegender Brief, den mein Kollege Ralf Schäfer an seine Tochter geschrieben hat. Lea hat eine geistige Behinderung, die aber ihrer Lebensfreude, Fröhlichkeit und Aufgeschlossenheit nie wirklich etwas anhaben konnte. Doch dann kam Corona – und die Familie stellt fest, was die Pandemie mit ihrer Tochter macht, wie sie sie verändert. Lea hat keinen Appetit mehr, starrt aus dem Fenster. Plötzlich zittert die Mundpartie und die Tränen fließen.
Ralf Schäfer beschreibt in seinem Brief an Lea Situationen, in denen sich zweifellos viele Menschen mit geistiger Behinderung oder körperlichem Handicap sowie ihre Angehörigen während der Corona-Pandemie wiedererkennen. Es geht aber auch um Lichtblicke, um Hoffnung und Momente ehrlicher Freude für die der Vater die Tochter bewundert – während er sich beim Abgleich der Lebenssituationen über andere Menschen wundert.
HIER GEHT ES ZUR LESEEMPFEHLUNG
Ich wünsche Ihnen ein wunderbares Wochenende – bleiben Sie gesund!
Michael Wollny
stellv. Leiter Digitalredaktion
Alltag
Wir hatten bei unserem Fischer am Bodensee einen frischen Zander gekauft und ihn in Zeitungspapier eingewickelt in den Kühlschrank gelegt. Es war Freitagabend. Und Fische ziehen Lea magisch an.
Am Samstag wollte ich den Fisch zubereiten, fand ihn aber nicht mehr. Außer dem Zeitungspapier war von ihm nichts mehr zu sehen. Lydia nach dem Verbleib des Fisches befragt, brachte ihn auch nicht wieder. Erst als wir uns auch außerhalb der Küche auf die Suche nach dem Fisch machten, wurden wir fündig. Lea hatte ihn genommen, sich damit im Wohnzimmer auf den Sessel gesetzt, um einen ihrer Disney-Filme anzuschauen. Der Zander übernahm die Rolle eines Kuscheltieres.

Die Probleme lassen sich lösen
Es war nicht leicht, ihr zu erklären, dass ich die Wolle am Fisch abwaschen und den Schleim vom Fisch an ihrem Pullover entfernen wollte.
Den Werdegang des Zanders hin zu einer Mahlzeit verfolgte Lea anschießend mit kritischem Blick, aber gespannt auf das Ergebnis. Sie bekam die eine Hälfte des Fisches und wollte über die andere Hälfte mit uns streiten.
Fische sind für Lea immer schon scheinbar faszinierende Wesen gewesen. Mit acht Monaten saß sie Ostern 1993 auf meinem Schoß und wollte unbedingt etwas von der Lachsforelle essen, die da auf meinem Teller lag. Sie hat es genossen. Im Düsseldorfer Aquastaad, einem sehr großen und wunderschönen Aquarium hätte man meinen können, Lea stelle sich die Fische, die sie da so ruhig, aber konzentriert hinter den Scheiben betrachtet, an Buttersoße vor.

Und bei einem Urlaub in der Provence saß sie gespannt vor einem Eimer. Die Jungs waren mit Freunden, die wir zufällig auf dem Campingplatz an Gorges du Verdon getroffen hatten, angeln. Keine 20 Meter davon entfernt saß ich im Schneidersitz am Strand, hatte meinen Wok und einen Gaskocher und bereitete die Fischchen, die mir immer wieder gebracht und in den Eimer mit Wasser geworfen wurden, zu. Ich nahm sie aus und frittierte sie, gab Zitronensaft dazu und binnen kurzer Zeit hatten wir alle ein leckeres Abendessen.
Lea saß wie gesagt vor dem Eimer und beobachtete die darin schwimmenden Fische. Ich hatte es nicht leicht, die Tere aus dem Wasser zu holen, immer wieder flutschten sie zwischen meinen Fingern hindurch. Plötzlich griff Lea in den Eimer hatte einen Fisch in der Hand und steckte ihn sich mit dem Kopf zuerst in den Mund. Der Fisch zappelte, Lea stutzte und nahm ihn wieder in die Hand. Schaute ihn mit großen Augen an und warf ihn wieder ins Wasser.
…
Alltag
Auch Lea will tippen
Eigentlich sollte das ein Text von Lydia für die Schwäbische Zeitung Friedrichshafen werden. Lydia musste ans Telefon, Lea hatte freie Bahn.
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